Gefahr in der Luft und auf dem Teller
Noch immer sind 20 Prozent der Äcker in Weißrussland verstrahlt, viele Menschen hat der AKW-Unfall in Tschernobyl krank gemacht. Doch sowohl Staatspräsident Lukaschenko als auch die UNO wiegeln ab.Die Menschen rochen den Frühling – sonst nichts. Die dreijährige Galina thronte auf den Schultern ihres Vaters und genoss das bunte Treiben. Wie in vielen anderen Städten Osteuropas sahen sich auch die Bewohner der weißrussischen Stadt Gomel am 1. Mai 1986 die Paraden an. Sie ahnten nicht, welch gefährlichen Stoff sie dabei einatmeten: radioaktives Jod. Das war bei der Explosion des 140 Kilometer entfernten Atomreaktors in Tschernobyl ein paar Tage zuvor in riesigen Mengen freigesetzt worden – und weil in der Gegend natürlicher Jodmangel herrscht, hatten ihre Schilddrüsen das lebensnotwendige Spurenelement gierig aufgenommen. Die Politiker wussten um die Gefahr. Doch ein ungestörter Ablauf der Paraden war ihnen wichtiger als die Gesundheit der Menschen.
Knapp 20 Jahre später sitzt Galina in Gomels zentraler Krebsklinik und wartet auf eine Nachuntersuchung. Vor vier Wochen haben ihr die Ärzte die Schilddrüse herausoperiert; der Schnitt an ihrem Hals sieht aus, als sei ihr jemand an die Gurgel gegangen. „Dass Tschernobyl was mit meinem Leben zu tun hat, war mir bis vor kurzem nicht klar gewesen“, sagt die 22-jährige Fotografin. Erst als die Krankheit vor ein paar Monaten bei einer Reihenuntersuchung zufällig entdeckt wurde, haben die Eltern vom Familienausflug zu den Mai-Feiern erzählt.
4000 junge Leute, die zur Zeit des Unfalls noch nicht ausgewachsen waren, leiden heute an Schilddrüsenkrebs. Das räumt inzwischen sogar die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) ein, die bei der UNO beim Thema Tschernobyl die Federführung hat. Dass aber auch 9000 damals bereits Erwachsene daran erkrankten – und damit fünfmal so viele wie vor dem Unfall – ignoriert die IAEO ebenso wie andere schwere Krankheiten, die in der Region stark zugenommen haben
Heute geht die größte Gesundheitsgefahr von verseuchter Nahrung aus. Weiterhin sind 21 Prozent Weißrusslands stark mit radioaktivem Cäsium belastet, 1,5 Millionen Menschen leben in diesen Regionen. Die dort erzeugten Lebensmittel werden im ganzen Land verkauft.
Sogar direkt neben der Todeszone beackern Kolchosebauern riesige Kartoffel-, Mais- und Kornfelder. Sie haben Anweisung, Kalium und Kalzium auszubringen, damit die Pflanzen weniger strahlendes Cäsium und Strontium aufnehmen. Doch zum einen verhindert das nicht, dass die Landarbeiter ständig belasteten Staub einatmen. Zum zweiten stammt etwa die Hälfte der Ernte aus Privatgärten – und die Menschen können sich keinen Mineraldünger leisten. Auch die hochbelasteten Pilze und Beeren aus dem Wald kommen schon aus Kostengründen bei vielen Familien weiter auf den Tisch.
Um 50 Prozent ist die Krebsrate in der gesamten Gomel-Region gestiegen; in manchen Dörfern ist die Situation sogar noch viel dramatischer. „Zur Zeit verzeichnen wir eine deutliche Zunahme von Brustkrebs bei jungen Frauen zwischen 25 und 30 Jahren; auch Fälle von Magen-, Darm-, Lungen- und Hautkrebs häufen sich“, sagt Wladimir Nititsch, stellvertretender Chefarzt in der zentralen Krebsklinik der Provinz. Wie alle Ärzte in der Gegend ist er mit der Interpretation der Daten sehr zurückhaltend. Schließlich hat Staatschef Lukaschenko vor ein paar Jahren die „Wiedergeburt der Region“ verkündet und erklärt, die Gefahr in den meisten Orten sei inzwischen gebannt. Die IAEO, deren Aufgabe die Förderung der friedlichen Atomenergie ist, wiegelt ebenfalls ab. Sie verbreitet weiter, dass Tschernobyl bisher nur 50 Menschen das Leben gekostet hat. Allenfalls 4000 Katastrophenhelfer und Evakuierte würden früher sterben. Die anderen Krankheitsprobleme seien auf Armut, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit zurückzuführen, so die Lesart der Atombehörde.
Vielleicht wird auch dieses Jahr der Frühling am 1. Mai wieder in der Luft liegen. Doch für die junge Fotografin Galina und ihre Familie wird darin auch Bitterkeit zu spüren sein. Ihr Leben lang wird Galina Medikamente nehmen müssen. Ob der Krebs auch schon ihre Lunge oder die Knochen angegriffen hat, wird sich erst bei der nächsten Untersuchung herausstellen.
Annette Jensen 2006 |
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