Berggorillas im Bwindi Impenetrable Forest, Uganda
Die Nahrung prägt das Sozialverhalten. »PDF Veröffentlichung„Besser, wenn wir über ihnen bleiben“, sagt Martha Robbins und deutet auf ein Knäuel schwarzer Körper - etwa zehn Meter entfernt. Könnte es gefährlich werden? Es wirkt so harmlos, fast romantisch. Die Gorillas dösen am Abhang, manchmal getroffen von den schlanken Strahlen der Morgensonne, die das Dickicht des Bwindi-Nationalparks im Süden Ugandas wie ein Laser durchbrechen. Doch plötzlich springt das Alpha-Männchen Rukina auf und kommt uns fast aufrecht entgegen. 200 Kilo Lebendgewicht, gewaltige Schultern, riesiger Kopf. Sein Leib riecht scharf und stechend. Wir schlucken, während Martha ruhig bleibt. „Nicht bewegen“, sagt sie leise als wir den Atem des Silberrückens fast spüren – so nah prescht er vorbei, ohne uns auch nur seitlich anzusehen. So sicher ist er sich seiner selbst. Dann steht er für Sekunden still, richtet sich nochmals auf und macht deutlich: ´Freunde, benehmt Euch! Dies ist mein Haus.“
Szenen wie diese berühren Martha Robbins noch immer. Seit 1998 beobachtet die Amerikanerin in Diensten des Leipziger Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie diese eine von 30 Gorilla-Gruppen in Bwindi. „Sie lassen mich in ihr Leben rein“, sagt sie „und ich mache daraus wissenschaftliche Fakten!“ Kernpunkte: Die Ernährung der Gorillas beeinflusst deren Sozialverhalten und Fortpflanzung. So gesehen unterscheiden sich die Berg-Gorillas Bwindis von ihren Artgenossen in Ruanda. Ganz zu schweigen von den Flachlandgorillas Zentral- und Westafrikas. Abhängig von der Ernährungsökologie „diktiert das Verhalten der Weibchen oft das Verhalten der Männchen“, sagt die Biologin, die auch Zugang hat zu den Daten aus 40 Jahren Gorilla-Forschung in Ruanda und zudem Flachland-Gorillas in Zentral- und Westafrika erforschen lässt. „Das ermöglicht einzigartige Vergleiche von Gorillas in unterschiedlichen Ökosystemen“, erklärt Martha und weist auf Byiza, einen Schwarzrücken, der nach einem hoch hängenden Ast voller Blätter greift, den er gerade so erreicht. Kraftvoll zieht er ihn nach unten, so dass es kracht. Geübt streift er die Schale eines Stängels ab, taxiert sie wie ein Connaisseur und lässt sie in seinem Mund verschwinden. Sitzend und in den Himmel blickend kaut er, in sich versunken.
„Niemand wusste, was genau die Gorillas hier fressen“, sagt sie und betont ein grundsätzliches Problem: Wer ´Gorilla` hört, denkt an die ermordete Dian Fossey und die weiter existierende Karisoke-Forschungsstation in den Virunga-Bergen im Grenzgebiet Ruanda-Kongo-Uganda. Obwohl die Affen völlig verschiedene Lebensräume bevölkern, „stammt 80 Prozent des Wissens aus rund 40 Jahren Forschung in Karisoke, was noch immer die öffentliche Wahrnehmung prägt.“ Demgemäß galten Berg-Gorillas und Flachland-Gorillas lange Zeit als ausschließliche Blätter-Fresser - wie die Berggorillas Ruandas.
Doch die Virunga-Berge mit ihren maximal 4500 Metern Höhe sind ein extremer Lebensraum. Anders im maximal 3000 Meter hohen Bwindi: Hier wuchern mehr Pflanzenarten. Hier bietet die Flora Früchte an. Was die Gorillas goutieren. „Die Tiere unserer Gruppe“, erklärt Martha, „fressen fast an jedem dritten Tag Früchte.“ Immerhin zehn bis 15 Prozent ihrer Zeit verbringen sie mit der Suche nach dem begehrten Futter, die Flachland-Gorillas gar 40 Prozent. Auch im relativ kleinen Lebensraum Bwindi variieren die ökologischen Voraussetzungen, je nach Höhe. Die von Touristen besuchten Gorilla-Gruppen fressen noch mehr Früchte als Rukinas Gruppe, überdies teils völlig andere Arten. „In jedem Fall bietet der Bwindi-Nationalpark genug Nahrung, damit sich die 340 Gorillas weiter vermehren können“, betont die Biologin.
Klar ist nach den jüngsten Erkenntnissen der Forscherin, dass Bwindi-Berggorillas mit sieben bis 12 Quadratkilometern größere Reviere durchstreifen als ihre Artgenossen in Ruanda, die, mangels Angebot, auf Früchte verzichten. Tatsächlich wandern die Tiere um so mehr in um so ausgedehnteren Revieren, je größer eine Gruppe ist. Durchschnittlich zehn Tiere bilden eine Gorilla-Gruppe, maximal 20 bis 30. Indem sie ihr Revier erweitern, verringern Tiere größerer Gruppen das Risiko von Aggressionen bei der Nahrungssuche. Doch gerade an Orten, wo sich konzentriert Früchte finden, kommt es immer wieder zu Reibereien.
Nahrungsangebot und –verteilung begrenzen die Zahl der Weibchen, die in einer Gruppe zusammen leben. Vor allem aber diktiert die Zahl der Weibchen, ob der dominierende Silberrücken andere zeugungsfähige Männchen oder gar einen zweiten Silberrücken zulässt, ein Beta-Tier. Was die Gefahr von Ärger steigert. In Gruppen der Flachland-Gorillas sind mehrere Männchen selten, in Gruppen von Berggorillas indes häufig, wie Martha Robbins entdeckt hat: „Einer meiner wichtigsten Funde.“ Fast erwachsene Schwarzrücken oder junge Silberrücken müssen sich entscheiden, ob sie bleiben, in eine andere Gruppe wechseln oder allein durch den Wald streifen, um irgendwann einen Silberrücken herauszufordern und eine Gruppe zu übernehmen oder Gorilla-Damen aus anderen Gruppen abzuwerben. „Wenn die Nahrungssituation nur wenige Weibchen erlaubt“, betont Martha Robbins, „verlassen niederrangige Männchen wahrscheinlicher ihre Gruppe.“
Aus weiblicher Sicht lohnen sich mehrere Männchen allemal. Wir sehen den Schwarzrücken Marembo oft in der Nähe von Tindamanyere. Er schwänzelt ihr regelrecht nach, so scheint es. Sie ist schwanger und hat sich, nach guter Gorilla-Sitte, vorwiegend mit Rukina gepaart, aber nicht nur. Marembo kam ebenso zum Zuge wie die anderen schon zeugungsfähigen Schwarzrücken. So stiften die Weibchen Unsicherheit unter ihren männlichen Artgenossen. Sollte Marembo, zum Silberrücken geworden, in der Gruppe bleiben und womöglich Rukina herausfordern und gewinnen, würde er die Kinder und Jungtiere der Gruppe nicht, wie ein fremder Silberrücken, töten. Denn einige der Kinder könnten die seinen sein. Auch Rukina erhöht womöglich die Überlebenschance seiner Nachfahren, wenn er andere Männchen, auch einen zweiten Silberrücken toleriert oder seine Präsenz nicht verhindern kann. Auf der anderen Seite verliert er einige Vaterschaften, weil die anderen Männchen mit den Weibchen kopulieren. Und er muss sich öfter der Angriffe der Konkurrenten erwehren: Das Aggressionspotential steigt.
Etwa 15 Prozent der Kinder, so ergab eine Untersuchung von Martha Robbins in Karisoke, hat nicht der dominierende Silberrücken gezeugt; bei Flachland-Gorillas stammt der Nachwuchs hingegen stets vom Alpha-Tier. Ein zweitrangiges Männchen in Karisoke, zeigte überdies eine Computer-Simulation der Max-Planck-Forscherin, fährt meist am besten, wenn er seine Gruppe nicht verlässt und allein umher zieht, sondern wartet und irgendwann die Gunst der Stunde nutzt, um den Gruppen-Primus zu fordern. Bis dahin können sie dennoch ihre Gene angelegentlich weiter geben. Die Weibchen sind auch hier auf der sicheren Seite: Der Stärkste wird gewinnen und sie gut beschützen.
Doch nicht jeder Silberrücken avanciert zum Alpha-Tier. Ein angeborenes Kriterium für ein reüssierendes Männchen hat Marthas Mitarbeiter Thomas Breuer entdeckt, der im nördlichen Kongo zehn Gruppen Flachland-Gorillas beobachtet. Ein hervorstechendes Merkmal aller Silberrücken ist der ausgeprägte, furchterregende Wulst auf dem Kopf, der so genannte Kamm. Mit einer speziellen High-Tech-Kamera hat Breuer bei verschiedenen Silberrücken die Größe des Kamms gemessen. Resultat: Je mächtiger der Kamm, desto mehr Nachwuchs hat ein Silberrücken. Ob Rukina ein erfolgreicher Silberrücken mit vielen Kindern sein wird, erfährt Martha erst in 15 bis 20 Jahren. Ein Gorilla-Forscher, sagt sie, braucht vor allem eines: „Geduld!“
Artikel von Klaus Wilhelm, erschienen im Tagesanzeiger am 20. Februar 2008
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