Die Schlangen von Kefallonía

Griechenland

Ein ganzes Jahr lang haben sie auf diesen Moment gewartet, die Bewohner der verschlafenen Hundert-Seelen-Dörfer Arginia und Markopoulo. Jetzt sind sie endlich da, die Katzennattern, ihre Glücksbringer, die Vorboten eines freudvollen Jahres auf der größten Ionischen Insel Kefallonía. Die Dorfbewohner küssen und streicheln die Schlangen und stecken sie in ein Terrarium, damit ihnen das Wunder nicht aus den Fingern gleitet. Erst zwei Mal sollen die Schlangen auf sich warten lassen haben: während des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen die Insel besetzt hielten und im Jahr des großen Erdbebens 1953.

Weil die Schlangen immer pünktlich zu Mariä Himmelfahrt, in der orthodoxen Kirche als Maria Entschlafung benannt, in den beiden Dörfern erscheinen, bezeichnen die Einheimischen sie als die "Schlangen der Mutter Gottes". Küster Georgios verweist Besucher außerdem auf das schwarze Kreuz, das die Nattern angeblich auf der Stirn tragen. So viele religiöse Zeichen können kein Zufall sein. Deswegen steht das Terrarium auch auf einem Tischchen mitten in der Dorfkirche, zu der jedes Jahr im August Besucher aus ganz Griechenland pilgern. Mietautos stauen sich auf der steilen Bergstraße, die im Winter oft unpassierbar ist.

Ob die Schlangen vielleicht giftig sein könnten, weiß niemand. Gebissen worden ist noch nie jemand. Sicher ist nur eines: Am 16. August ist der Spuk vorbei. Dann werden die Schlangen des Nachts an einer Felswand frei gelassen.


Beate Köhne 2002 | www.journalistenetage.de/koehne.htm

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