Maßarbeit
Wer vom Laufsteg träumt vergisst oft die Schattenseiten: der Job als Model ist nicht nur ein täglicher Kampf um die Schönheit, sondern vor allem harte Arbeit.„Man darf sich nicht einbilden, dass man ein Casting mitmacht, danach auf einem Titelblatt zu sehen ist und eine Million bekommt“, lacht Charlotte Baumeister. Modeln sei ein harter Job und gerade während des Berufseinstiegs wird besonders viel Einsatz verlangt. Das spürt die 19-Jährige gerade am eigenen Leib. Vor ein paar Monaten wurde sie bei einer Berliner Model-Agentur unter Vertrag genommen. Ein später Start in einen Beruf, in dem viele bereits seit ihrem 13. Lebensjahr arbeiten. „Die große Karriere wird das jetzt nicht mehr“, da macht sich die hübsche Charlotte keine Illusionen. Vor fünf Jahren wurde sie von einem Agenturchef auf der Straße angesprochen. Damals meinte ihr Vater, sie solle noch bis zur Volljährigkeit warten. Deswegen geht Charlotte erst jetzt nach Schulschluss zu Castings und wartet auf ihren ersten bezahlten Job. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Konkurrenz so groß ist. Beim letzten Casting saß ich da zusammen mit 320 anderen Mädchen“, sagt Charlotte. Nur eine von ihnen wird am nächsten Tag angerufen.
Schönheit ist nicht alles
„Model sein ist mehr als nur gut aussehen. Es gehört viel Mut dazu, aber auch Motivation, Selbstbewusstsein und eine gewisse Hartnäckigkeit“, weiß Cornelia Bartsch, die Leiterin der Berliner Agentur IZAIO. Ihre Agentur hat sie nach dem japanischen Wort „izai“ benannt, das für Talent, Charakter und Persönlichkeit steht. „Wir vermitteln Menschen und nicht nur optische Reize“, betont Cornelia Bartsch. Doch sie gibt sich keinen Illusionen hin: Charakterköpfe seien in der Branche nur selten gefragt. Was zählt sind die Maße und natürlich eine gewisse Ausstrahlung, die zum Zeitgeist passen muss. Rund 100 Frauen und Männer wandern für die Agentur über Laufstege, posen für TV-Spots, Kataloge oder Zeitschriften. „Ich passe auf, dass wir nicht zu groß werden und niemanden halbherzig aufnehmen. Nur wenn ich selber begeistert bin, kann ich mich auch um das Model kümmern“, erläutert Cornelia Bartsch.
Das gewisse Etwas
Die blonde Nora, genau wie Charlotte eines der „New Faces“, wie die Nachwuchs-Models genannt werden, wurde jetzt beim Karneval der Kulturen von der Agenturchefin angesprochen. „Ich hatte bei ihr sofort das Gefühl: Das wird was.“ Inzwischen benutzt Nora die Begriffe aus der Model-Welt schon ganz selbstverständlich. Sie geht zu „Go-Sees“, den Treffen mit Fotografen und Redakteuren, hat schon mal einen „Recall“ überstanden, eine engere Auswahl nach dem ersten Casting, und weiß, dass beim „Fitting“ die Kleider für eine Modenschau anprobiert werden. Illusionen macht Nora sich trotzdem nicht: „Ich sehe das ganz nüchtern: Die haben mich angesprochen und nicht ich sie. Ich muss mich nicht verbiegen.“ Auch Nora möchte erst einmal das Abitur in der Tasche haben, ehe sie sich für einen Beruf entscheidet. „Es kann ja sein, dass mich in drei Jahren keiner mehr sehen will.“ Obwohl die Agenturchefin ihre Models unterstützt und an sie glaubt, warnt auch sie vor allzu großen Träumen: „Ein Model ist immer auch ein Produkt seiner Zeit. Der Geschmack ändert sich schnell und das große Geld verdienen nur 20 bis 25 internationalen Topmodels.“ Für ein Shooting bekommt ein Model normalerweise 500 Euro am Tag.
Glitzernde Scheinwelt
Und Charlotte? Nimmt sie es ihrem Vater übel, dass er ihr den frühen Einstieg in den Job verwehrt hat? „Nein, ich würde es meinen Kindern heute selber verbieten“, sagt sie ernsthaft. „Ich begegne den 14-Jährigen ja jetzt bei den Castings. Denen bekommt das Modeln nicht. Sie leben in einer Scheinwelt. Aber wenn ich damals begonnen hätte, wäre ich sicher auch ganz schön eingebildet geworden.“ Außer ihren Eltern hat Charlotte nur ein paar Freundinnen erzählt, wo sie neuerdings ihre Nachmittage verbringt. „Es kommt schnell Neid auf, weil so viele selber vom Modeln träumen.“ Um den Verdienst geht es dabei weniger, der ist am Anfang geringer als in jedem anderen Job. Charlotte stört das nicht, weil für sie die ganze Branche interessiert ist. Für später könnte sie sich auch vorstellen in den Bereichen Modedesign oder Modejournalismus zu arbeiten: „Ich betrachte das Modeln als eine Art Langzeit-Praktikum.“
Beate Köhne, 2003 | www.journalistenetage.de/koehne.htm
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