Ackern für das rote Gold

Immer weniger Bauern in der Mancha leisten sich den Safrananbau.

Einmal im Jahr legt die staubige, karge Landschaft der Mancha Farbe auf. Ab Mitte Oktober blühen zwei Wochen lang die Safrankrokusse, und die Äcker im Burgenland Kastilien erleuchten in kräftigem Lila. So heißt es zumindest in den spärlichen Reisebeschreibungen über die weltvergessene Gegend im spanischen Landesinneren. Wer heute zum jährlichen Safranblütenfest nach Consuegra fährt, muss die blühenden Felder lange suchen. In der kleinen Stadt, mitten im traditionellen Safrananbaugebiet, sind noch ganze vier Familien übriggeblieben, die auf den Feldern den Rücken krumm machen. 1000 sollen es noch in der ganzen Mancha sein.

Safran ist das teuerste Gewürz der Welt. Den höchsten Preis zahlen aber die Bauern. Die Ernte ist mühsam, jede Blüte muss per Hand vom Stängel gezupft werden, am besten im Morgengrauen, direkt nachdem sich die empfindlichen Blätter entfaltet haben. Wer allein pflückt wie der pensionierte Maurer Dionísius steht noch in der Abenddämmerung gebückt über den Blüten. Es sind die Alten, die die Tradition bewahren, und nach Sonnenuntergang in ihren Stuben die kostbaren roten Narben aus den Krokussen zupfen. "Nächstes Jahr ist Schluss", sagt Higínia. Das sagt sie nicht zum ersten Mal. Ihre Beine sind vom Wasser geschwollen, sie kann Dionísius auf dem Feld nicht mehr helfen. Die Kinder sind längst erwachsen und wollen ihren Jahresurlaub nicht wie die Eltern auf dem Lehmacker verbringen. Auch der pensionierte Landwirt Vicente Lozano überlegt, ob er nächstes Jahr noch einmal anpflanzt, und María Angeles hat eigentlich schon lange genug, auch wenn bei ihr die ganze Küche voller Helferinnen sitzt. "Es lohnt nicht mehr", sagt María Angeles, ohne das Zupfen zu unterbrechen und den Blick von den Blüten zu heben, "die Preise fallen Jahr für Jahr." Auch in Deutschland wird inzwischen mehr Safran aus dem Billiglohnland Iran als aus Spanien eingeführt.

Eine Firma aus Valencia erprobt jetzt in der Mancha auf einem 17 Hektar großen Versuchsgelände die maschinelle Ernte und Verarbeitung, um das Geschäft profitabler zu gestalten. Zur Zeit reicht das Ergebnis gerade mal zum Färben, aber nicht zur Verfeinerung von Speisen. Außerdem ist ein Kontrollrat gegründet worden, um den guten Namen "Azafrán de La Mancha" zu schützen. Die notorischen Fälschungen des exquisiten Gewürzes machen besonders spanischen Händlern und Bauern zu schaffen, weil ihr Safran als einer der besten und teuersten der Welt auch am häufigsten gefälscht wird. Für die strukturschwache Mancha geht es um mehr als nur den guten Ruf. Am letzten Oktoberwochenende, wenn das Safranblütenfest gefeiert wird, ist von all den Problemen auf den ersten Blick nichts zu spüren. Jedes Jahr reisen mehr Gäste an, die beiden Hotels sind monatelang im voraus ausgebucht, japanische Touristen filmen begeistert die Tänze der Trachtengruppen, den nationalen Safran-Zupfwettbewerb und natürlich auch die berühmten Windmühlen auf dem Bergkamm, gegen die Don Quijote zum Kampfe zog. Weil kaum noch jemand Safran anbaut, haben auch die Einheimischen endlich Zeit, mitzufeiern. Nur María Angeles, Dionísius und die anderen Bauern stehen wie jedes Jahr zur Festzeit auf den Feldern und knipsen einem Krokus nach dem anderen das Köpfchen ab.


Beate Köhne 2002 | www.journalistenetage.de/koehne.htm

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